Der Sandmotor

Riesen-Sandbank schützt holländische Küste

Sand, so weit das Auge reicht und dahinter das glitzernde Meer. Was sich nach Karibik und Sommerferien anhört, ist ein weltweit einzigartiges Küstenschutz-Projekt.

 

Acht Monate lang fuhren die Baggerschiffe immer wieder zehn Kilometer hinaus aufs Meer, baggerten den Sand vom Meeresboden und „spuckten“ ihn dann an der südholländischen Küste zwischen Den Haag und Ter Heide wieder aus - insgesamt 21,5 Millionen Kubikmeter Sand. Nun ist das Ergebnis selbst aus dem Weltraum sichtbar: eine 128 Hektar große, rund 256 Fußballfelder umfassende Halbinsel, die sich eineinhalb Kilometer weit ins Meer erstreckt. Ein Paradies für Sonnenanbeter, Strandspaziergänger und Sandburgenbauer. 

 

Kooperation von Mensch und Natur

Ziel des Projektes „Sandmotor“ war jedoch weniger die Steigerung des Strandvergnügens als vielmehr die Errichtung eines ausgetüftelten Bollwerks zum Schutz der holländischen Küste. Denn ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel, und die Angst vor einer Überflutung veranlasst die Niederländer seit Generationen, Deiche zu bauen, Land einzupoldern und Sperrwerke zu errichten. Der Sandmotor bildet nun eine weitere Maßnahme der Holländer im Kampf gegen das Wasser. Eine Maßnahme, die weltweit einzigartig ist und die Natur diesmal nicht als Feind betrachtet, sondern als Mitstreiter.

 

Vergängliche Schönheit

Ziel der Lagune ist es, grob gesagt, wieder zu verschwinden. „Wir haben etwas angelegt, das in ungefähr 20 Jahren in dieser Form nicht mehr bestehen wird. Wind und Wasserströmung werden den Sand entlang der Küste zwischen Scheveningen und Hoek van Holland verteilen“, erklärt Jan Mulder, Küstenexperte beim Forschungszentrum  Deltares. Berechnungen haben ergeben, dass rund 60 Prozent des Sandes nach Norden, Richtung Scheveningen und Den Haag, geschwemmt wird und 40 Prozent nach Süden. Dadurch wird der Strand auf natürliche Weise um einige Meter breiter und die Dünen werden wachsen - Küstenschutz ganz ohne Basalt und Beton.

 

Hotspot für Surfer, Horror für Schwimmer

Schon jetzt sind die Veränderungen des Sandmotors sichtbar. Der Motor bewegt sich langsam, aber stetig. Doch bevor er in rund 20 Jahren vollständig von der Landkarte verschwunden sein wird, ist die Lagune Hotspot  für Wind- und Kitesurfern. Dem niederländischen Longboard-Champion Michael Schmitz zufolge befindet sich rund um die künstlich angelegte Halbinsel das beste Surfrevier der Niederlande. Anders sieht es für Schwimmer aus: Aufgrund der starken Strömungen ist Schwimmen in der Nähe des Sandmotors strikt verboten, weil lebensgefährlich. 

 

Die Zukunft des Sandmotors

Wird der Sandmotor sich genau so entwickeln und über die Küste verteilen wie erwartet? Keiner weiß genau, wie dieser Küstenabschnitt in vielen Jahren aussehen wird. Der 25-jährige Timon Pekkeriet, Absolvent der Technischen Universität Delft, hat Bedenken: „Wetterkapriolen wie Megastorms oder auch kleinere Stürme wurden viel zu wenig in die Berechnungen mit einbezogen, was dazu führen kann, dass sich der Sandmotor anders bewegt als erwartet.“ Es bleibt abzuwarten. Doch eines fällt heute schon auf: Neben Spaziergängern, Surfern und Robben werden in der Nähe des Sandmotors auch zunehmend chinesische Abgeordnete, amerikanische Armeeangehörige und französische Delegierte gesichtet. Sie alle zeigen Interesse an der neuen Form des Küstenschutzes. In Anbetracht des weltweit steigenden Meeresspiegels ist der Sandmotor vielleicht schon bald wegweisend. Und die Holländer sind - im Bereich des Küstenschutzes - den anderen Nationen mal wieder eine Nasenläge voraus.

 

© Ulrike Grafberger

Copyright: Rijkswaterstaat/Joop van Houdt.
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