Den Haag, 7. Februar. Wenn sogar die seriöse niederländische Tageszeitung De Volkskrant in einer Kolumne über einen „nationalen Orgasmus“ berichtet, dann ist das sicher eine Übertreibung, aber es scheint etwas dran zu sein. Denn tatsächlich macht sich in ganz Holland eine gewisse Erregung breit. Doch was ist es, das unsere eher nüchternen Nachbarn so in Wallung bringt, dass mit Begriffen wie „gemeinsames Glück“, und „phantastisch“ geradezu herumgeschmissen wird?
Endlich wieder eine Elfstedentocht?
Ganze 15 Jahre ist es her, dass die Elfstedentocht zum letzten Mal stattfand. Diese Tour auf Schlittschuhen, die sich 200 Kilometer lang über Grachten, Kanäle und Seen durch elf friesische Städte schlängelt, lässt das Herz eines jeden Schlittschuhfahrers höher schlagen. Und Schlittschuhe fährt in den Niederlanden fast jeder – vom Kleinkind bis zum Großvater. Sogar Prinz Willem Alexander, Sohn der niederländischen Königin Beatrix und Thronfolger, fuhr bei der letzten Elfstedentocht mit (und schaffte die 200 Kilometer, womit er sich bei vielen Holländern endlich den Respekt verdiente, der für die Thronbesteigung notwendig ist). So ist es denn kein Wunder, dass sich Tausende von Holländern mental und körperlich auf die nächste Tour vorbereiten. Es werden Sitzungen gehalten, Prognosen erstellt, Eisflächen vom Schnee befreit und - immer wieder - die Dicke der Eisdecke gemessen.
Friesland on Ice
Der Traum von der Elfstedentocht kann wahr werden - sofern es weiter friert und das Eis auf die geforderten fünfzehn Zentimeter anwächst. An vielen Stellen, vor allem in Nordfriesland, ist es bereits soweit. Das Eis der südlichen Tourstrecke lässt teilweise noch zu wünschen übrig, denn dort befinden sich noch offene Stellen. Schließen sich auch diese, kann es losgehen. Vorbei an Windmühlen und malerischen Grachtenhäusern wird sich die Tour von Leeuwarden im Uhrzeigersinn durch Friesland ziehen – über Sneek, IJlst, Sloten, Stavoren, Hindelopen, Workum, Bolsward, Harlingen und Franeker, Dokkum und zurück nach Leeuwarden. Für einen Tag wird dann das kleine, sonst so ruhige Bartlehiem, zum Zentrum von Friesland. Dort müssen die Eisläufer unter der mittlerweile weltberühmten Brücke hindurch nach Dokkum fahren, dort umkehren und unter derselben Brücke wieder zurück nach Leeuwarden „schaatsen“.
Sollte die Elfstedentocht stattfinden, dann gibt es in den Niederlanden kein Halten mehr. Bei der letzten Elfstedentocht fanden sich 11 Millionen Menschen ein, Blaskapellen spielten, Menschen jubelten den Schlittschuhfahrern zu: ein riesiges, winterliches Volksfest. Jeder will dabei sein. So werden jetzt schon Fahrgemeinschaften organisiert, Hotelzimmer gebucht, Termine verschoben. Ein Politiker forderte gar, den Tag der Elfstedentocht zu einem „spontanen nationalen Feiertag“ auszurufen, damit jeder dabei sein könne.
Die Hölle von 1963
Dabeisein ist das eine, mitfahren das andere. Nur Mitglieder der „königlichen Vereinigung der elf friesischen Städte“ dürfen an der Tour teilnehmen, aber das sind immerhin 16.000. Doch ein Zuckerschlecken ist die Tour wahrlich nicht. Frühmorgens, noch im Dunklen geht’s aufs Eis, dann muss man sich in allen elf Städten einen Stempel holen, und nur wer vor Mitternacht die Tour geschafft hat, bekommt das begehrte „Elfstedenkruisje“. Ein winziges Malteser-Kreuz mit friesischem Wappen in der Größe eines Zehn-Cent-Stückes, das bisher nur 17.000 Mal verliehen wurde und den Besitzer zum Helden macht. Die Gewinner der Elfstedentochten sind in den Niederlanden tatsächlich Volkshelden. So weiß ein jeder, dass Reinier Paping „de hel“, die Hölle, von 1963 gewonnen hat. Von den fünfzehn Elfstedentochten, die seit 1909 stattfanden, war dies die härteste und die legendärste. Bei minus 18 Grad brachen am 18. Januar 1963 die rund 10.000 Eisläufer frühmorgens auf, als der Ostwind anzog und Schnee hinzukam. Es war eisig, der Schnee türmte sich, immer mehr Schlittschuhläufer mussten völlig erschöpft und halb erfroren die Tour abrechen. Viele waren orientierungslos und schneeblind. Von den 10.000 Eisläufern erreichten nur 69 das Ziel. Reinier Paping war mit 10 Stunden und 59 Minuten der Schnellste.
Das war 1963. Doch wird es auch in diesem Jahr eine Elfstedentocht geben? Keiner weiß es. Noch bis zum Wochenende soll es kalt bleiben, danach droht ein Temperaturanstieg. Am wahrscheinlichsten ist Samstag, der 11. Februar. Dann wird – wenn es die Natur zulässt – in den Niederlanden die Elfstedentocht stattfinden und mit ihr ein einmaliges Winterspektakel mit dem Charakter eines Volksfestes.
© Ulrike Grafberger